Pflanzenvirus bedroht heimische Rübenzuckerwirtschaft

Die Zuckerrübe ist in Norddeutschland eine wichtige Kulturart und bereichert so seit vielen Jahrzehnten die vorwiegend durch Getreidearten geprägten Fruchtfolgen. Als Sommerfrucht kann sie die ackerbauliche Bekämpfung resistenter Ungräser unterstützen und zur Mobilisierung von Stickstoffüberschüssen aus tieferen Bodenschichten beitragen. Durch ihre niedrige Wuchshöhe bietet sie Lebensraum u.a. für Vogelarten wie den Kiebitz und die Feldlerche und prägt mit ihrer Vegetationsdauer bis in den Spätherbst auch das Landschaftsbild. Für die Landwirtschaft unterstützt sie die Einkommensdiversifizierung und ist gleichzeitig unverzichtbarer Rohstoff für die regional ansässige Zuckerindustrie. Die gesamte Wertschöpfungskette „Zucker aus Rüben“ sichert zahlreiche Arbeitsplätze im ländlichen Raum und gewährleistet somit eine sichere und nachhaltige Versorgung von Nahrungs- und Futtermitteln.

Seit etwa drei Jahren ist in Deutschland die Anwendung von neonicotinoidhaltigen Beizmitteln an Zuckerrübensaatgut verboten. Seither können Blattläuse als Überträger von Vergilbungsviren nicht mehr ausreichend wirksam bekämpft werden. Im Westen und Südwesten Deutschlands sowie insbesondere in Frankreich und Belgien sind in diesem Jahr, trotz mehrfacher Spritzungen von Insektiziden, erhebliche Schäden durch viröse Vergilbung in Zuckerrüben zu beobachten. In Norddeutschland ist der Befall in diesem Jahr vergleichsweise gering, jedoch sind auf vielen Rübenfeldern gelbe Nester zu beobachten. Erfahrungen aus der Zeit vor Einführung der Neonic-Beizen belegen allerdings, dass auch in den norddeutschen Rübenanbaugebieten starke Schäden durch Vergilbungsviren auftreten können.

Der Befall mit Vergilbungsviren kann bei Zuckerrüben im Extremfall zu Ertragsausfällen von 30-50% führen. Der Klimawandel mit milden Wintern begünstigt das Überleben und die Vermehrung der Blattläuse als Überträger dieser Kalamität. Wirksame Bekämpfungsmöglichkeiten sind derzeit nicht verfügbar, da bei den zugelassenen Insektiziden bereits Resistenzen beobachtet wurden. Die Forschung arbeitet bereits an Alternativen u.a. auch an toleranten Rübensorten, jedoch dürften diese für die Praxis frühestens erst in einigen Jahren zur Verfügung stehen.

Nach dem Verbot an Zuckerrübensaatgut haben 13 von 19 Mitgliedstaaten in der EU bereits seit 2019 sogenannte Notfallzulassungen für neonicotinoide Beizmittel genehmigt. Vor einigen Tagen hat nun auch Frankreich eine solche Ausnahmeregelung auf den Weg gebracht. Damit befinden sich die deutschen Rübenanbauer in einem erheblichen Nachteil gegenüber ihren europäischen Wettbewerbern. Sollte sich diese Situation nicht ändern, wird künftig mit einem Rückgang des Zuckerrübenanbaus auch in den norddeutschen Anbaugebieten gerechnet. Damit wären nicht nur die Vielfalt der Kulturarten im Ackerbau sondern auch die Rohstoffversorgung der Zuckerfabriken und damit zahlreiche Arbeitsplätze akut gefährdet.

Vor diesem Hintergrund haben die norddeutschen Zuckerrübenanbauerverbände alle politischen Mandatsträger aufgefordert, sich bei den Bundesministerien für Wirtschaft, Arbeit, Umwelt und Landwirtschaft für eine Notfallzulassung von neoncotinoidhaltigen Beizmitteln im Zuckerrübenanbau einzusetzen. Nur so können dauerhafte und nicht mehr reparierbare Schäden in der Wertschöpfungskette Zucker vermieden werden.