Bauerndemo in Hannover: Mehr Landwirte als erwartet

Angemeldet waren 1.500, gekommen sind 2.000 und 800 standen laut Veranstalter noch vor den Toren der Landeshauptstadt. Gemeint sind die Schlepper, die zur Sternfahrt und mit lautstarker Hupe nach Hannover aus allen Teilen Niedersachsens aufgebrochen sind. Rund um den Maschsee in Hannover versammelten sich dann insgesamt etwa 4.000 Demonstranten, um auf die prekäre Situation in der Landwirtschaft aufmerksam zu machen.

Unter dem Motto „Wir rufen zu Tisch“ hatte die verbandsneutrale Initiative „Land-Schafft-Verbindung“ am 22.10.2019 um 11:00 Uhr zu einer Kundgebung eingeladen. Initiatorin Henriette Struß trat aufgrund des nicht enden wollenden Treckerkonvois bezeichnenderweise erst fünf nach zwölf vors Mikrophon. Trotzdem sei es nicht zu spät, alle an einen Tisch zu rufen. Sie sei überwältigt, dass ihre Facebookgruppe innerhalb weniger Tage auf rund 100.000 Nutzer gewachsen sei und nun so viele Landwirte mit ihren Familien dem Demonstrationsaufruf gefolgt seien.

Landwirt Meinke Ostermann übernahm die Moderation der Kundgebung und stellte folgende Themen heraus, die derzeit die Landwirte am meisten bewegen: 1. Bauernbashing 2. Agrarpaket (insbesondere die Düngeverordnung) und 3. Freihandel. Landesumweltminister Olaf Lies (SPD) sagte, dass er sich Deutschland ohne Landwirtschaft nicht vorstellen könne. So habe die Landwirtschaft nicht nur für eine gesicherte Produktion, sondern überdies für Wohlstand gesorgt. Es müsse wieder mehr Wertschätzung für Lebensmittel geben. Er sagte aber auch: „Wir werden nicht ohne Veränderungen auskommen.“ Änderungen müssten allerdings zeitlich machbar sein und die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Betriebe nicht gefährden. Für seine Rechtfertigung zu den sogenannten Roten Gebiete erntete er Pfiffe und Buhrufe. „Wir wollen nicht, dass Betriebe sterben.“, setzte er am Ende seiner Rede hinzu. Landesagrarministerin Barbara Otte-Kinast freute sich, dass besonders viele junge Landwirte zur Kundgebung gekommen waren. Sie versteht die Demonstration als Weckruf an Politik und Bevölkerung. Die Gesellschaft müsse bereit sein, eine Änderung der Wirtschaftsweise auch zu bezahlen. Dazu muss die Politik kluge Rahmenrichtlinien geben. Dies sein nicht immer leicht in Berlin und Brüssel durch zu setzen. Mit ihrer Forderung „Landwirtschaft gehört ins Kanzleramt“ möchte sie das Thema Agrar zur Chefsache machen und erntete dafür viel Applaus.

Landwirt Christian Halswede aus dem Weserbergland sprach davon, dass die derzeitige politische Stoßrichtung einer „kalten Enteignung“ gleichkäme. Zulassungen von Pflanzenschutzmitteln sollten auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen gefällt werden und nicht aus Populismus. Die Landwirte seien bereit, sinnvolle Maßnahmen mitzutragen. Er forderte zudem mehr Respekt für den Berufsstand.

Auch Landwirt Friedrich Amme fand deutliche Worte, wie politische Maßnahmen in der landwirtschaftlichen Praxis ankämen. Plumpe Parolen als Entscheidungsgrundlage seien kein geeignetes Mittel, um praxisgerechte Lösungen zu finden. So müsse Düngung beispielsweise bedarfsorientiert sein, willkürliche Verbote seien nicht angemessen. Auch würden Freihandelsabkommen wie Mercosur die heimische Produktion gefährden.

Um 13:15 Uhr endete die Kundgebung, bei der sowohl Landwirte aus Ackerbau- sowie Viehzuchtbetrieben, konventionell und ökologisch wirtschaftende Landwirte den lautstarken, aber friedlichen Schulterschuss vollzogen. Für die Rückfahrt wird mit erheblichen Verkehrsbehinderungen gerechnet.

In folgenden Städten Deutschlands sind heute ebenfalls Demonstrationen und Kundgebungen geplant:

  • Bayreuth
  • Würzburg (wurde vom Ordnungsamt abgebrochen)
  • München
  • Rostock
  • Berlin
  • Oldenburg
  • Stuttgart
  • Rendsburg 
  • Freiburg im Breisgau
  • Chemnitz
  • Görlitz
Mehr als 2.000 Schlepper und andere landwirtschaftliche haben sich an der Sternfahrt im Treckerkonvoi beteiligt.
v.l. Christian Halswede, Landesumweltminister Olaf Lies, Landesagrarministerin Barbara Otte-Kinast, Friedrich Amme, Meinke Ostermann, Henriette Struß.
Rund um den Maschsee machten rund 4.000 Demonstraten auf die prekäre Situation im Agrarbereich aufmerksam.