Der deutsche Rübensektor steckt in einer tiefen Krise: Weltweit niedrige Zuckerpreise machen den Betrieben zu schaffen, gleichzeitig verschärfen biotische wie abiotische Stressfaktoren die Bedingungen auf den Feldern. Nun will die Bundesregierung gegensteuern – mit einer Maßnahme, die auf den ersten Blick paradox wirkt: Ausgerechnet eine zusätzliche Zuckersteuer soll die Rübenanbauer entlasten.

Nach Informationen aus Regierungskreisen ist vorgesehen, die Mehreinnahmen aus der geplanten Abgabe direkt in einen „Nachhaltigkeitsbonus“ umzuleiten. Rübenanbauer sollen künftig eine Beihilfe für den Anbau der süßen Feldfrucht erhalten, sofern sie nachweisen, dass ihre Ernte zu 100 Prozent nachhaltig war.

Die Branche zeigt sich geschlossen. Rodegemeinschaften kündigten bereits an, detailliert zu dokumentieren, dass das Rübenblatt als organische Substanz auf dem Acker verbleibt. Zuckerunternehmen ihrerseits wollen künftig auf der Rübenabrechnung gesondert ausweisen, wie der gesamte Rübenkörper zur Zucker- und Futtermittelproduktion genutzt wird. Selbst das aufbereitete Prozesswasser soll – als Dünger deklariert – zurück auf die Felder fließen. „Wir begrüßen die schnelle Unterstützung der gesamten Wertschöpfungskette“, sagt Landwirtin Manuela Lirpa aus Neustadt am Rübenberge. „Angesichts der niedrigen Preise hilft uns wirklich jeder Cent.“

Aus volkswirtschaftlicher Sicht geht es um beachtliche Summen: Bei einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von etwa 14 Kilogramm Zucker und einer Bevölkerungszahl von 83,5 Millionen Menschen könnten so rund 269 Millionen Euro in den Staatshaushalt fließen – zweckgebunden für die Stabilisierung des Rübenanbaus.

Kritik lässt jedoch nicht lange auf sich warten. Der Diabetiker-Verband sieht die Pläne skeptisch. „Da wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben“, kommentiert Verbandschef Karl-Heinz Schmal. Die Regierung entgegnet, dass der Nachhaltigkeitsbonus nicht nur die Zuckerproduktion stützen solle. Ziel sei es auch, den Anbau von Biogasrüben zu fördern, um die Abhängigkeit von fossilen Kraftstoffen im Verkehrssektor langfristig zu verringern.

Ob die Maßnahme am Ende mehr Nährstoff in die Böden oder lediglich mehr Diskussionen auf die politische Agenda bringt, bleibt vorerst offen. Sicher ist nur: Der Rübenanbau steht erneut im Zentrum eines energiepolitischen Disputs. Die Umsetzung der Beihilfe soll unbürokratisch erfolgen: Alle Rübenanbauer können sich bei ihrem Anbauerverband melden, um den Antrag zu stellen. Der DNZ hat bereits ein Antragsformular vorbereitet.

pdfAntragsformular_Nachhaltigkeitsbonus.pdf